• Ein Mädchen meldet sich in einer Klasse

Leben im SLW: Bühne frei für die Mainstreet Boys

Marktl. Takt für Takt wachsen im Probenraum des Antoniushauses Marktl Schüler, Lehrkräfte und Mitarbeiter der Wohngruppen gemeinsam über sich hinaus und zusammen. Musik wird im Bandprojekt zum verbindenden sozialen Element zwischen den Buben und für manche auch ein Türöffner, um Schule wieder besser zu finden.

Gruppe Jungs-Musikband im Probenraum

Es ist Donnerstagmittag. Über den Innenhof des Antoniushauses Marktl, einer Einrichtung der Stiftung SLW Bayern, tönen rockige Gitarrenriffs. Die Musik führt die Schultreppe hinunter in den Probenraum im Keller. Dort sitzt Philipp mit seiner Leadgitarre und spielt sich ein, während die anderen Bandmitglieder nach und nach zur wöchentlichen Probe der „Mainstreet Boys“ eintrudeln. Die Jugendband ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Antoniushaus-Schule, einem Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, dem sozialpädagogischen Fachdienst und den Wohngruppen für Jungen im Antoniushaus, in denen ein Teil der Schüler wohnt. Geprobt wird einmal pro Woche, im Wechsel montags am Nachmittag und donnerstags am Vormittag.

Entstanden ist das Projekt vor zwei Jahren aus zwei getrennten musikalischen Angeboten: dem Musikunterricht von Lehrerin Lea Moosreiner und dem musikalischen Angebot des Sozialpädagogen Daniel König im Rahmen des sozialpädagogischen Fachdienstes am Nachmittag. Irgendwann wurde beiden klar: Es wäre sinnvoll, das musikalische Engagement zu verbinden und in ein gemeinsames Ziel zu investieren: Eine Jugendband. 

Musik hat auch eine soziale Komponente

Gerade im Förderzentrum des Antoniushauses hat Musik eine besondere Bedeutung gewonnen, erklärt die Musiklehrerin dazu: „Wir versuchen, den Jungs Angebote zu machen, an die sie andocken können. Viele haben schwierige Zeiten mit Unterricht und Schule erlebt. Musik (in der Band, im Klassenverband oder im Schulchor) schafft da einen anderen Zugang. Für manche ist sie genau der Weg, um wieder Freude an Schule zu finden. Manch einen sonst teils impulsiven, ungestümen Jugendlichen habe ich sanfte Töne auf einem Klavier oder Gitarre erzeugen hören.“ Kollege Daniel König ist zudem davon überzeugt, dass Musik einen nachhaltigen Effekt hat: „Ich finde den Vergleich mit einem Mannschaftssport wie Fußball sehr passend. Auch dort ist das stetige Verbessern und Verändern der eigenen Technik ein Prozess, der nie wirklich aufhört. Ich kenne keinen Musiker, der die Lust an der Musik verliert, nur weil er Perfektion erreicht hat. Gleichzeitig funktioniert das Zusammenspiel in einer Band nur miteinander, nicht gegeneinander. Manchmal muss man sich selbst zurücknehmen, manchmal steht man aber auch im Fokus. Aus pädagogischer Sicht sind das wichtige Kompetenzen, die dabei erlernt werden. Sie lassen sich gut auf andere Lebensbereiche übertragen, etwa auf das Zusammenleben in einer Wohngruppe.“

Harmonie wird geübt: Musikalisch wie zwischenmenschlich

Philipp, der Gitarrist, schätzt zum Beispiel besonders das Zusammenspiel und die regelmäßigen Treffen zur Bandprobe. Julien, der Keyboard spielt, beschreibt es ähnlich: „Ich finde die Harmonie in der Band sehr schön. Vor allem, wenn man zusammen mit verschiedenen Instrumenten spielt und hört, wie das dann zusammenklingt.“ Diese Harmonie muss allerdings geübt werden, musikalisch, aber auch zwischenmenschlich. In einer Band geht es nicht nur um Takte, Akkorde und Texte. Sozialpädagoge Daniel König erzählt von einer Probe, bei der zwei Bandmitglieder fehlten. Schlagzeuger Jan Luca fand das nicht richtig und machte den Bandmitgliedern deutlich: „Ich habe auch nicht immer Lust, aber wenn jeder nur kommt, wenn er gerade Lust hat, ist das unfair den anderen gegenüber, da muss man sich schon ein bisschen zusammenreißen“. Daraufhin besprachen die Jugendlichen in der Gruppe gemeinsam, was Verlässlichkeit für die Band bedeutet. Für Daniel König ist das ein gutes Beispiel für den individuellen Fortschritt der Bandmitglieder.

Musikalische Erzieher als Vorbilder, Band als Mutmacher

Aber nicht nur Fairness und Kompromissbereitschaft werden gefördert, sondern auch Mut: Sich als Sänger vorne hinzustellen und vor anderen zu singen, ist nicht einfach. Lea Moosreiner erzählt von Ilyas, für den genau das am Anfang eine große Überwindung war. Nur mit Zuspruch und der Sicherheit, dass die beiden Erwachsenen an seiner Seite standen, wagte er die ersten Auftritte. Inzwischen steht er selbstbewusster auf der Bühne und singt auch vor Publikum. Auch Marian, der zweite Sänger, hat inzwischen schon viel Selbstvertrauen gewonnen: „Seit ich fünf bin, singe ich. Mit zwölf habe ich angefangen zu rappen“, erzählt er. Rap, Pop und Hip-Hop sind seine Welt, und er weiß ziemlich genau, wie ein Lied klingen soll. „Ich lege eher Wert auf Qualität“, sagt er. Dass in einer Band aber nicht alle denselben Geschmack haben, gehört für ihn mittlerweile dazu: „Es gibt manchmal Konflikte, aber es finden sich Lösungen.“ Zwei Erzieher aus den Wohngruppen spielen als Vorbilder auch eine wichtige Rolle: Philipp Ittner und Christian Bachner. Beide machen wie Lea und Daniel selbst Musik, kommen aus dem Rockbereich und unterstützen die Proben, begleiten Auftritte oder geben einzeln Unterricht, wenn es ihr Schichtdienst zulässt.

Erfolgreicher Auftritt bei 125-Jahr-Feier

Inzwischen haben die Mainstreet Boys mehrere Stücke miteinander einstudiert. Beim 125-jährigen Jubiläum der Einrichtung standen sie auf der Bühne und präsentierten zwei Lieder. Die Aufregung war groß, der Stolz danach auch. Für Lea Moosreiner und Daniel König war der Auftritt ein sichtbares Zeichen dafür, wie weit die Band in kurzer Zeit gekommen ist. Wie viel den Jungs das Projekt bedeutet, zeigt sich auch abseits der Bühne: Gitarrist Philipp hat ein Band-Logo designt, das bereits auf sein Plektrum gedruckt ist. T-Shirts mit Logo sind für den nächsten Auftritt beim Sommerfest des Antoniushauses geplant, Daniel König hat ihnen auch schon die Teilnahme bei einem Bandcontest vorgeschlagen. Dabei ist noch vieles improvisiert: Das Musik-Equipment ist eine Mischung aus privaten Instrumenten, Material der Schule und Ausstattung der Wohngruppen – und es müsste dringend aufgestockt werden. Dafür fehlen bislang die Mittel. Wer das Projekt unterstützen will, der investiert nicht nur in Verstärker oder ein Schlagzeug, sondern in Jugendliche, die Musik als ihre Chance für die Zukunft begreifen und damit zurück zur Schule, zur Gemeinschaft und zu sich selbst finden können.

Text/Foto: Andrea Obele

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